Gemeine Breitstirnblasenkopffliege (Sicus ferrugineus)

Glück gehabt!

Die Gemeine Breitstirnblasenkopffliege (Sicus ferrugineus) flog beim Auslösen der Kamera gerade ab.

Nun bin ich einmal den umgekehrten Weg gegangen.

Mit allen möglichen technischen Tricks, die faszinierende Aufnahmen ermöglichen, wird versucht, das Motiv von vorne bis hinten möglichst scharf zu bekommen.

Die Aufnahme der startenden Fliege ist für die Verhältnisse meiner Kamera zwar scharf (besser gehts damit nicht), aber der Aufnahme hat leider etwas die Dynamik gefehlt. Die Aufnahme wirkte auf mich zu technisch, zu leblos. Also habe ich mal Photoshop bemüht, um das zu ändern und etwas Bewegung ins Bild zu bringen.

Eure Meinung dazu würde mich interessieren, denn normalerweise mache ich so etwas nicht, hat aber auch so seinen Reiz. Vielleicht war es auch der Spieltrieb?

(Zum Vergleich habe ich die unbearbeitete Version auch drangehängt.)

Interessant ist auch die Fortpflanzung der Fliegen.

Das Weibchen legt im Flug! ein Ei auf einer Hummel ab. Die Hummel trägt das Ei nichts ahnend in ihr Nest. Dort schlüpft die Larve der Fliege und macht sich über die Vorräte und Larven der Hummel her.

Ein Beispiel aus dem Tierreich das zeigt, auch hier wird öfter auf Kosten anderer gelebt. Fotos aus dem Themenbereich hatten wir hier ja auch schon.

Das "Gemein" aus dem Namen der Fliege bekommt dadurch eine ganz andere Bedeutung.

Kommentare

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Makronist

Hallo, water castle,

das Bild ist technisch vielleicht nicht ganz perfekt - aber es hat einen hohen Schmunzelfaktor! Die Fliege wirkt, als wäre sie auf dem Höhepunkt eines Trampolinsprungs. Um das zu unterstreichen, ist eine derartige Bearbeitung absolut legitim!

Danke auch für die interessante Story der Eiablage! Verstehe ich das richtig, dass die Fliege über die stehende (oder ihrerseits fliegende?) Hummel hinwegrauscht und wie eine Bombe ihr Ei abwirft? Weiß man, wie die Eihülle gebaut ist, um solch eine Verbreitungsmethode zu überstehen?

fragt

Mainecoon

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ADMIN

Hallo Mainecoon,

die Gemeine Breitstirnblasenkopffliege "wirft" ihre Eier nicht auf den Wirt, die Hummel, sondern stürzt sich in rasantem Flug auf eine vorbeifliegende Hummel. Dann packt sie ihren Wirt irgendwie und legt sehr schnell ein Ei auf ihren wollig-pelzigen Hinterleib. Anschließend lässt die Fliege von ihrem Wirt wieder ab.

Die Eier haben dornenartige Fortsätze und kleine Häckchen, mit denen sie sehr gut im Hummelpelz hängenbleiben. Die Hummel nimmt dann nichtsahnend das Ei mit in ihr Nest, in dem wenig später die Fliegenlarve schlüpft. Sie lebt von deren Vorräten im Nest - und von den Larven.

Es gibt bei uns etwa 20 verschiedene Dickkopffliegen (Conopidae), zu denen auch die Gemeine Breitstirnblasenkopffliege gehört, die bei unterschiedlichen Wirten parasitieren, aber stets bei Hautflüglern (Hymenoptera).

Die Parasitierung läuft je nach Art unterschiedlich ab: Während die Larven der Gemeinen Breitstirnblasenkopffliege erst im Nest die Vorräte und Larven frisst, bohren sich beispielsweise die Larven anderer Fliegen in den Wirt, auf den sie als Ei gelegt wurden, nach ihrem Schlupf ein und entwickeln sich in deren Hinterleib. Dort verpuppen sie sich. Im Herbst stirbt der Wirt, die Fliegenpuppe überwintert in dessen sterblichen Überresten. Im kommenden Frühjahr zerbricht die schlüpfende Fliege die Wirtshülle (Chitin) hydraulich mithilfe einer aufpumpbaren Stirnblase.

Ich habe den "Flugangriff" von Dickkopffliegen auf Bienen, Hummeln oder auch Wespen (je nach Dickkopffliegen-Art) bereits mehrfach beobachten können. Das ist ein super rasantes Schauspiel, geht alles sehr schnell und heftig - mit dem Ergebnis, dass der Wirt in der Regel mit dem Fliegenei weiterfliegt.

Man sieht: Auch wenn das Ganze erst mal etwas grausam klingen mag; hier laufen hoch interessante Prozesse und Entwicklungen ab mit sehr differenzierten Querverbindungen.

Das ist Biodiversität!

Lieber Gruß,

Roland

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Hallo Roland,

beeindruckende Beschreibung dieses "biodiversen" oder fast "bioperversen" Verhaltens dieser Fliegen.

Du hast da ja schon einige Erfahrung und lässt uns daran nacherlebbar teilnehmen.

Es ist in der Natur wie fast immer: Fressen, Sex, Diebstahl, Wohnungsraub, Mord und Totschlag.

Vermutlich fasziniert uns das so, weil wir der selben Natur entstammen und entsprechend handeln, es sei denn, wir wurden durch unsere Erziehung diszipliniert.

Genau das macht für mich die Fotografie so spannend. Das Objekt perfekt ablichten ist die eine Seite,

die Geschichten dahinter die andere,

Geschichten über das Motiv,

aber auch Geschichten über die Fotografen, die Spuren ihres Tuns hinterlassen, die bei etwas Sachkenntnis ohne es zu wissen oder zu ahnen den Fotografen entlarven.

Seien es technische oder fotografische Fehler, Ungenauigkeiten bei der Bildbearbeitung,

Motive am falschen Ort oder unpassendem Zusammenhang, Sachverhalte, die nicht sein können,

der Kenner entlarvt sie.

Durch die riesige Erfahrung und Sachkenntnis bleibt Euch fast nichts verborgen.

Das schätze ich an Eurer Arbeit.

Und trotzdem bleibt noch genügend, ja unbegrenzter Freiraum, sich kreativ auszutoben.

 

Wenn ich Eure Beurteilungen lese, stößt man immer auf gleiche oder ähnliche Problemstellungen bei den Fotos.

Ich könnte mir eine Art Checkliste vorstellen, die den Fotografen ermöglichen könnte, ihre Fotos einfach selbst vorzubeurteilen.

Das könnte Euch etwas entlasten und würde vielleicht manche(n) zum Nachdenken bewegen.

Mir fallen spontan folgende Fragestellungen ein, die mich umtreiben. (es gibt viele mehr)

 

Motiv:

Beschreibung: Was habe ich fotografiert und warum?

Was will ich mit dem Foto aussagen? Doku, Nachweis, Schönes Motiv, Ästhetik, Ungewöhnlichkeit, ...

 

Belichtung:

Sitzt und stimmt die Belichtung am richtigen Fleck?

Passt der Kontrast? Säuft Schwarz ab oder frisst Weiß aus..

Hat das Foto einen Farbstich?

Ist es ein Farb- oder Bunt-Foto (zuviel des Guten)?

 

Schärfe:

Ist sie überhaupt vorhanden? Wenn nein, ist es Absicht oder technisches (z.B. Beugung), menschliches (Verwacklung, Fehleinstellung) Versagen?

Schärfe des Motivs und (Unschärfe) des Vorder-/Hintergrunds.

Liegt sie richtig?  (auf dem Auge, dem wesentlichen Bildteil)

Ist sie notwendig oder gibt es kreative Unschärfe?

 

Bildaufbau, Beschnitt:

Goldener Schnitt, Symmetrie, Bildeinteilung...

Formatwahl richtig? Hoch, Quer, Quadratisch, Seitenverhältnis, Panorama, ...

Ist zuviel, zuwenig auf dem Foto?

Und zu guter Letzt:

Warum will ich das Foto veröffentlichen?

Das sind erste grobe Ansätze, könnten aber hilfreich sein, denn Selbstkritik ist eine schwierige Sache und gegen sich selbst ist man oft großzügig. Anfangs ist man schon begeistert, dass man überhaupt eine Aufnahme hinbekommen hat in einer Dimension, die einem sonst verborgen war. Man meint, man hätte was Besonderes geleistet. Ein Blick z.B. in Flickr würde manche Ernüchterung bringen.

Die Höhe der Latte bestimmt jeder für sich selbst.

Dagegen ist die offene, ehrliche Beurteilung durch Euch womöglich unangenehm und peinlich.

Natürlich ist Eure Beurteilung nicht zu ersetzen, aber vielleicht wird dadurch vorab die grobe Streu vom Weizen getrennt?

So, jetzt habe ich genug herumphilosophiert.

Gut Licht an der richtigen Stelle wünscht

Water Castle 

 

 

 

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ADMIN

Hallo water castle,

eine sehr interessante Bildeinstellung, ein sehr interessantes Experiment, ein sehr interessantes Ergebnis.

Also um eines vorwegzunehmen: Das Foto ist bereits in der unbearbeiteten Version recht gut gelungen. Die Schärfe auf der auffliegenden Fliege ist recht ansprechend.

Dein anschließendes Photoshop-Experiment wertet natürlich die Bildwirkung nochmals stark auf. Auch das ist in der Umsetzung gut gelungen.

Eine Winzigkeit würde ich noch verändern: Schiebe die Fliege noch ein klein wenig nach rechts, sodass sie in die Bildmitte rückt. Ich vermute mal, das erhöht die Bildwirkung nochmals.

Ansonsten bleibt: ein spannendes Experiment und eine lohnenswerte Einstellung mit interessanten Bilddaten und Hintergrundinformationen.

In diesem Sinne weiterhin "Gut Licht",

Roland

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Hallo Roland,

vielen Dank für Deine Beurteilung. 

Dein Vorschlag wäre für mich mit sehr viel Aufwand verbunden., sonst hätte ich es probiert.

Vielleicht weiß ich auch nicht wie das einfach gehen würde.

Die Fliege erst mal auszuwählen ist ein riesen Fitzelgeschäft.

Einen schönen Makro-Sonntag wünscht

 

Water Castle

 

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